In Gedenken an Richard Schuckmann

Es begann im Frühjahr des Jahres 1996. Ich unterrichtete am SAE Institute bereits seit sieben Jahren das Fach Akustik & Studiobau. Ein Fachgebiet mit dem ich mich lange, intensiv und mit viel Hingabe gewidmet hatte. Um den Aufgaben als Leiter des SAE Institutes in Frankfurt weiterhin gebührend gerecht zu werden, liess es sich aber nicht vermeiden, gewisse Vorlesungen abzugeben. Doch wer sollte das Fach Akustik übernehmen? Eine Frage, die ich damals zunächst absolut nicht zu beantworten wusste. Alle mir bis dahin bekannten Kollegen standen leider aus Zeitmangel oder aus Gründen langer Anfahrtswege nicht zur Verfügung. Doch dann kam der entscheidende Tipp! Zu dem Zeitpunkt wurde das Fach „Lautsprecher“ von keinem geringeren als Wolfgang Becker (ehemaliger Mitarbeiter von Electro Voice, FFM) unterrichtet, der nach wie vor in der Branche als der „Lautsprecherpapst“ gilt. Ihm berichtete ich von meinem Problem. Wolfgang sah das alles recht locker un
d antwortete mit breitem Frankfurter Dialekt: „Däsch kann nur de Rischard aus Wiesbadde!“. Ich antwortete: „Na, dann mal schnell her mit diesem Richard!“. So kam es am 14.01.1997 zu meiner ersten Begegnung mit Richard in meinem Büro. Dieses markante Treffen ist mir noch so gut in Erinnerung, als wäre es gestern gewesen. Ich hatte mir zwei Stunden Zeit genommen, um hoffentlich anschließend per Handschlag meinen neuen Akustik-Kollegen die Hand schütteln zu können. Es kam auch zu diesem Ereignis, nur nicht zwei Stunden später wie geplant, sondern kurz vor Mitternacht bei Salvatore´s Pizza in der Homburger Landstrasse! Menschenskind, was hatten wir zu labern. Spürten wir doch bereits nach wenigen Minuten der Konversation, dass wir in der Studiotechnik, Akustik und Musik viel Gemeinsamkeiten besaßen.


Wie es der Zufall so will, ich mischte Mitte der 80er zusammen mit meinem Kollegen Klaus Bongaertz die Gütersoher Jazzreihe. Im Rahmen dieser kam es zu einem Highlight mit Lester Bowies Art Ensemble of Chicago. Genau einen Tag später spielte die Formation in Wiesbaden und wer saß dort hinterm Pult? Klar, Richard Schuckmann! Richard und ich lachten herzhaft über ähnliche Begebenheiten, die wir mit dem Ausnahmetrompeter erleben durften.




Das SAE Frankfurt Team im Sommer 2000


Für unsere Studenten war Richard ein Kult-Dozent. Einer von dieser Sorte, dem beim Erzählen über Raum- und Studioakustik die Augen feucht wurden. Stets vor der Tafel stehend, wild gestikulierend, laut redend und mit einer Motorik, die so manchen Studenten mitgerissen hat. Es muss so ungefähr zwei Jahre her sein, da klopfte es bei mir an der Bürotür und Richard kam nach Beendigung seiner Vorlesung zu mir, setzte sich, blickte mir einige Sekunden lang tief in die Augen, drehte dabei eine seiner typischen Zigaretten und sagte dann mit erhobener und deutlicher Stimme: „Ulli, wir haben eine verdammt große Verantwortungen den Buben gegenüber!“ Das zeigt deutlich, mit welchem Einsatz und Euphorie Richard seinen Job als Dozent am SAE Institute ausgeführt hat! Darüber hinaus pflegte er Kontakte zu Ex-Studenten wie kein anderer: Aki G., Andreas D., Thomas K., Carsten D., Volker S., Oli K., Sina D., Tristan E., ... ihr wisst schon, was ich meine! Weiterhin werden mir die nahezu endlosen Telefonate fehlen, in denen wir über Akustik-Diplomarbeiten diskutierten
, die Richard betreute. O-Ton Richard: “Ulli, wie kann der Depp in einen derartig kleinen Raum einen Helmholtz Resonator planen ...? Hat der Bub das Fach Deutsch bereits in der Sexta abwählen können?“. Und wie beendete Richard all seine Telefonate: „Leg Dich wieder hin und wenn Du heute noch Auto fährst, dann fahr vorsichtig!“. Bemerkenswert ist auch die Tatsache, dass Richard in den 12 Jahren die er bei uns tätig war, zu allen Diplomfeiern anwesend war. Respekt! Dieses Verhalten zeigt deutlich seine tiefe Verbundenheit mit dem „SAE-Haufen“. Er organisierte für unsere Studenten und Alumnis Besichtigungstouren im Staatstheater Wiesbaden bei Ute und Walter und so mancher Student verfolgte das Spiel der Eintracht aus der Tonkabine der Commerzbank-Arena.


Was gibt es sonst noch zu berichten? Vielleicht an dieser Stelle drei Anekdoten, die ein wenig erahnen lassen, was Richard für ein Mensch war:


Erste Anekdote

Montagmorgen, Richards Vorlesung beginnt in einer halben Stunde. Gerade noch Zeit, um beim Bäcker um die Ecke schnell ein paar Croissants einzukaufen, um nicht mit leeren Magen vor den Studenten stehen zu müssen. „Ulli, hast Du schon gefrühstückt?“ Meine klare Antwort an einem Montag um die Zeit: „NEIN!“. Für Richard eine Selbstverständlichkeit die Tüte aufzureissen und mir die Hälfte seines Plunder-Hefe-Blätterteig-Gebäcks anzubieten!


Zweite Anekdote (unglaublich aber wahr!)

Eines Tages kam Richard etwas aufgeregt in mein Büro und fragte mich: „Ulli, Du kennst doch die Baustelle auf der 661 von Wiesbaden in Richtung Frankfurt!?“. Ich, der seit fast 10 Jahren in Bad Vilbel wohnt, antwortete eher gelassen mit einem langgezogenen N E I N. „Also, die Jungs in der Baustelle werden von diesen idiotischen Autofahrern permanent beschimpft, da sie angeblich nichts besseres zu tun haben, als für den täglichen Stau zu sorgen. Da bin ich erst einmal an die nächste Tanke gefahren, habe einen Kasten Bier gekauft und diesen bei den Jungs in der Baustelle mit den Worten abgeben, Ihr macht einen großartigen Job!“ Kein weiterer Kommentar ...


Dritte Anekdote

Ich hatte am 18.12.2005 alle Kollegen zu einer Weihnachtswanderung durch den winterlichen Taunus eingeladen. Auch Richard war selbstverständlich mit dabei. Man traf sich auf einen Parkplatz in der Nähe der Eschbacher Klippen bei Usingen. Richard bestimmte nicht nur das Tempo, sondern auch mit dem Brustton der Überzeugung den „richtigen“ Weg. Nachdem wir plötzlich alle inmitten des Waldes, ab von jeglichen Pfaden zwischen den Bäumen fast im Schneematsch versanken, verließ sich der Rest der Kollegen nicht mehr auf Richards Pfadfindernase und suchte fortan auf eigene Faust wieder festen Boden unter den Füßen. Richard hingegen lies es sich voller Stolz nicht nehmen, weiter - ganz alleine - auf seinemWeg durch den finsteren Wald zu schreiten. Beim anschließenden Mittagessen war er dann trotzdem pünktlich mit dabei ... Wie heisst es doch so schön: viele Wege führen nach Rom!




Der Kutscher kennt den Weg ... ja nä ... ja nä!


Als ich Richard im letzten Jahr bat, mir kurz einige Stationen seines Schaffens für unsere Website aufzuschreiben, kam von ihm diese Kurzbiographie per email:


Studium der Physik; Inhaber der Fa. WAV seit 1978 (Wiesbaden); Studiobau und Planung: AAM (Niederwürzbach); Tonstudio Besser (FFM); CCS (FFM); Tonstudio Eck-Ton (Hohenstein); Fremdsprachenzentrum (Uni Mainz); Planung von Konferenzräumen für: AEG (FFM); Akademie der Architektenkammer (FFM); Aufführungen u. Konzerte: Wiesbadener Stadtoper; „Lärmtunnel“ DASA (Dortmund)




Drei Audio-Böcke im 19-Zoll-Gespräch auf der Musikmesse (v.l.n.r.: Peter Waschke spL, Richard u. Ulli


Mit wem soll ich jetzt über die Hopkins-Stryker Gleichung, über Axial- und Oblique-Moden in Räume, über die Bonello Kriterien oder über aktuelle, tagespolitische Geschehnisse diskutieren? Ja nä ... ja nä ...


Richard, Du hast Dir entschieden zu früh den Stecker ziehen lassen!